(Holland Woche 1)

Auf der Suche nach seinem eigenen Platz in dieser Welt.

Das ist wohl ein dauerhaftes Ziel im Leben. Neues ausprobieren, andere Welten sehen, unbekannte Wege gehen. Und hoffentlich irgendwann irgendwo ankommen.

Ganz schön kitschig. Aber auch so wahr.

Manche finden ihren Platz in ihrer Heimatstadt. In Altbekanntem.

Andere müssen erst in ein anderes Bundesland umziehen. Manche bereisen die ganze Welt, bleiben hängen, kommen zurück.

Ich bin jetzt zum zweiten Mal in ein anderes Land gezogen.

Habe zum zweiten Mal eine neue Sprache gelernt.

Das sieht so auf dem Papier ziemlich beeindruckend aus. Und das ist auch meist die Reaktion, die ich bekomme.

Staunen. „Das könnte ich nie …“

Begeisterung. „Was für unglaublich tolle Erfahrungen!“

Lob. „Richtig gut!“

Ich freue mich darüber, ich nehme es an, ich bin stolz auf meine eigenen Leistungen.

Aber oft kehre ich damit selbst all die Schwere, die dieser Lebensstil mit sich bringt, unter den Teppich. Das bemerke ich vor allem hier in Holland in der ersten Woche.

Gestern war eine kleine Abschlussparty von der Einführungswoche. Zwei Bands haben gespielt, ich habe getanzt wie nie, gelacht und alkoholfreies Bier mit viel zu viel Schaum gezapft. (Ich schwöre, das kam vom Zapfhahn, wenn man eines in Deutschland lernt, ist es Zapfen.) Und irgendwann bin ich einfach gegangen, ohne mich zu verabschieden. Nicht weil ich keine Lust hatte, sondern einfach, weil es niemanden zum Verabschieden gab.


Und dann bin ich mit dem Fahrrad zurück auf den Zeltplatz gefahren.

Alleine im Dunkeln.

Und hab mich doch ziemlich gestrandet gefühlt.

Ich habe vergessen, wie schwierig es ist, irgendwo ganz von vorne anzufangen.

Ein Niemand zu sein, der noch keine Spuren hinterlassen hat.

Das ist eine Chance, aber auch eine Herausforderung. Wer will ich sein? Wie will ich auf andere wirken? Wie komme ich wirklich rüber?

Die Zweifel nagen am Ende des Tages dann doch. Die Sprachbarriere ist eine (Schere) Bitch. Wie soll man sich mit so einem beschränkten Wortschatz wirklich richtig gut unterhalten? Schnell reagieren? Witzig sein?

Und wenn mir doch mal was einfällt, dauert es so lange, vom Deutschen ins Niederländische zu übersetzen, dass das Thema längst vorbei ist oder mal wieder unangenehme Stille zwischen mir und meinem Gesprächspartner entstanden ist.

Das frustriert. Es frustriert unglaublich. Und ich fange an, mich mit anderen Erstjahresstudenten zu vergleichen. Warum kann ich das Gespräch nicht so am Laufen halten? Warum kann ich nicht so witzig sein? Warum kann ich nicht so locker sein?

Und das ist das Dümmste, was ich eigentlich tun kann. Ich meine, wie kann ich mich mit Muttersprachlern vergleichen? Das ist total überzogen.

Der blöde Drang, dazuzugehören.

Aber – es ist ein Nehmen und Geben. Es sind die kleinen Erfolge. Ein Mitstudi, der sich schon direkt am Anfang über meine Wohnsituation gesorgt hat.

Eine Zweitjahresstudentin, die ein halbes Stündchen mit mir Deutsch gesprochen hat.

Zwei Leute aus meiner Gruppe, die mir auf einem Spaziergang deutsche Jugendsprache nachgeplappert haben.

Noch ein Mitstudi, der auf meine Empfehlung hin eine ganze Nacht Cro gehört hat.

Ich hinterlasse Spuren. Klein und unauffällig. Und manchmal so durchscheinend, dass ich sie gar nicht richtig wahrnehme. Aber sie sind da und sie werden mehr!

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